Über Frieden nicht nur reden!

Bei der Besonderen Leistungsfeststellung zum Erwerb des qualifizierenden Hauptschulabschlusses 1995 im Fach Deutsch mussten unsere Neuntklässler wie üblich u. a. auch ihre Fähigkeiten im textgebundenen Schreiben unter Beweis stellen. Zwei Aufgaben standen zur Auswahl,

die Mehrzahl der Prüflinge wählte damals eine Aufgabe, in der es um folgende kleine Geschichte von Astrid Lindgren ging:

Jetzt werde ich eine kleine Geschichte erzählen. Ich hörte sie selbst vor langer Zeit, eine alte Dame erzählte sie mir, und ich habe sie niemals vergessen.

Sie ging so - wenn ich mich recht erinnere:

"Ich war jung zu jener Zeit, als fast alle Kinder oft geschlagen wurden. Man hielt es für nötig, sie zu schlagen, denn sie sollten artig und gehorsam werden. Alle Mütter und Väter sollten ihre Kinder schlagen, sobald sie etwas getan hatten, von dem Mütter und Väter meinten, dass Kinder es nicht tun sollten. Mein kleiner Junge, Johan, war ein artiger und fröhlicher kleiner Kerl, und ich wollte ihn nicht schlagen. Aber eines Tages kam die Nachbarin zu mir herein und sagte, Johan sei in ihrem Erdheerbeet gewesen und habe Erdbeeren geklaut, und bekäme er jetzt nicht seine Schläge, würde er wohl ein Dieb bleiben, sein Leben lang.

Mit Müttern ist es nun einmal so, dass ihnen angst und bange wird, wenn jemand kommt und sich über ihre Kinder beschwert. Und ich dachte: Vielleicht hat sie recht, jetzt muss ich Johan wohl eine Tracht Prügel verpassen.

Johan saß da und spielte mit seinen Bausteinen - er war ja damals erst fünf Jahre alt -, als ich kam und sagte, dass er nun Prügel bekäme und dass er selbst hinausgehen solle, um eine Rute abzuschneiden. Johan weinte, als er ging. Ich saß in der Küche und wartete.

Es dauerte lange, bis er kam, und weinen tat er noch immer, als er zur Tür hereinschlich. Aber Rute hatte er keine bei sich. "Mama", sagte er schluchzend, "ich konnte keine Rute finden, aber hier hast du einen Stein, den du auf mich werfen kannst!" Er reichte mir einen Stein, den größten, der in seiner kleinen Hand Platz fand.
Da begann auch ich zu weinen, denn ich verstand auf einmal, was er sich gedacht hatte: Meine Mama will mir also weh tun, und das kann sie noch besser mit einem Stein. Ich schämte mich. Und ich nahm ihn in die Arme, wir weinten beide soviel wir konnten, und ich dachte bei mir, dass ich niemals, niemals mein Kind schlagen würde.
Und damit ich es ja nicht vergessen würde, nahm ich den Stein und legte ihn in ein Küchenregal. wo ich ihn jeden Tag sehen konnte, und da lag er so lange, bis Johan groß war.

Dieb wurde keiner aus ihm. Das hätte ich gerne meiner Nachbarin erzählen mögen, aber sie war schon lange fortgezogen.“

Ja, so sprach die alte Dame, die mir dies alles erzählte, als ich noch sehr jung war. Und ich weiß noch, dass ich mir dachte: Ich werde meine Kinder auch nicht schlagen, sollte ich welche bekommen. Ich bekam zwei Kinder und ich schlug sie niemals. Trotzdem wurden gute Menschen aus ihnen. Und auch sie schlagen ihre Kinder nicht.

Warum erzähle ich das alles? Es sollte ja vom Frieden die Rede sein. Ich glaube, das tut es auch. In gewisser Weise. Immer noch gibt es viele Mütter und Väter auf der Welt, die ihre Kinder schlagen und glauben, das sei gut.

Sie meinen, Kinder würden artig und gehorsam durch die Schläge. Aber statt dessen werden sie zu solchen Menschen, die gerne selber andere schlagen und weitermachen damit, wenn sie groß sind. Denn wie sollte einer, der sich als Kind an die Gewalt gewöhnt hat, zu einem friedlichen Menschen heranwachsen?

Und wie soll es Frieden geben in der Welt, wenn es keine friedfertigen Menschen gibt? Zu Hause, in den Wohnungen, da muss der Friede beginnen. Ich glaube, es wäre gut, wenn ein Stein in den Küchenregalen läge, fast überall auf der Welt, als Erinnerung: Schluss mit der Gewalt!

Ich kenne eine Menge Staatsmänner und Politiker, die einen solchen Stein auf dem Küchenregal haben sollten. / Aber dann würden sie vielleicht bloß die Steine nehmen und hinausgehen und einander die Schädel damit einschlagen.
Denn glaubt man an Gewalt, dann handelt man auch so!

Unsere Neuntklässler mussten nun mehrere Arbeitsaufträge bearbeiten, von denen einer folgendermaßen lautete:

"Und wie soll es Frieden geben in der Welt, wenn es keine friedfertigen Menschen gibt?" Was Astrid Lindgren insbesondere einer Menge von Staatsmännern und Politikern vorhält, betrifft auch jeden Einzelnen von uns. Für ein friedliches Zusammenleben sind schließlich wir alle zuständig!

Stelle an drei Beispielen dar, was Du in der Schule dazu beitragen kannst.

Hier zunächst einige Auszüge aus Schülerarbeiten (z. T. geringfügig überarbeitet):

" ... Es ist wichtig, Schlägereien unter Schülern zu unterbinden und sie zu einer friedlichen Konfliktlösung anzuhalten ... "

" .. .wenn ein Schüler mit einer anderen Nationalität, Hautfarbe oder Sprache neu in die Klasse kommt, ist es schon fast Pflicht, dass ich ihn anrede und mich mit ihm beschäftige, um von vornherein möglichen rassistischen Äußerungen anderer entgegenzuwirken .. "

"... Man könnte den Klassenlehrer fragen, ob er nicht im Unterricht auf die verschiedenen Nationalitäten der Schüler eingehen könnte; wenn man nämlich weiß woher ein Mitschüler kommt oder wieso Türkinnen z.B. Kopftücher tragen, ist man schon einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg zum besseren gegenseitigen Verständnis ... "

" ... Es wäre doch auch denkbar, dass wir uns einmal in der Schule einen ganzen Tag lang mit dem Thema Frieden in verschiedener Form auseinandersetzen ... "

Wie aus den Antworten ersichtlich wird, waren unsere damaligen Neuntklässler durchaus fähig, sich konstruktive und zielführende Gedanken zu machen

- und dem letzten Zitat ist zu entnehmen, dass hier von Schülerseite Friedenserziehung sogar als zentrales Thema für einen Projekttag vorgeschlagen wird

- eine durchaus überlegenswerte Idee, wenn auch diese wichtige Zielsetzung bei uns eigentlich eine Art "Dauerprojekt" darstellt, ohne dass es als solches ausdrücklich empfunden wird. Erziehung zum friedlichen und gewaltfreien Umgang miteinander ist nämlich ein durchgängiges Unterrichtsprinzip von der ersten bis zur zehnten Klasse, wovon zahllose Beispiele Zeugnis geben. Einige davon seien herausgegriffen:

In der Grundschule beginnt Friedenserziehung bereits mit kleineren Projekten wie z. B. "Kann ohne Kanone" oder „Faustlos". Im Rahmen der Gewaltprävention erhalten regelmäßig sowohl unsere Viertklässler als auch unsere Siebtklässler Besuch von Vertretern der Polizei und des Allgemeinen Sozialdienstes. Mit diesen Institutionen arbeitet unsere Schule ebenso vertrauensvoll zusammen wie z. B. mit der "Brücke", die sich Jahr für Jahr schwerpunktmäßig unserer Fünft- und Sechstklässler annimmt. Was am Ende der intensiven Unterrichtseinheiten stehen kann, in denen der richtige Umgang mit alltäglichen Gewaltsituationen im Mittelpunkt steht, zeigt z. B. folgendes spontan entstandenes Gedicht einer Fünftklässlerin aus dem Schuljahr 2002/2003:

 

Gewalt

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.

Wir leben vom Frieden
in unser'm Gesicht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Uns're Mitmenschen lesen bei unser'm Sprechen aus dem Gesicht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Wir sind nicht Dunkel, sondern Licht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Wir spielen freundlich für Gottes Angesicht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Frieden ist stärker als jedes Gericht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Reichtum und Macht haben noch nie viel gebracht.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Warum brauchen wir den Krieg? Frieden ist der beste Sieg.

Gewalt? Nein danke,
brauchen wir nicht.
Frieden und Freiheit für Groß und Klein
sollten das Ziel der Weltpolitik sein.

Ute

 Wie bereits angesprochen, ist Friedenserziehung grundsätzlich ein durchgängiges Prinzip. In einigen Fächern spielt sie von der Zielsetzung her jedoch eine besondere Rolle. Das betrifft natürlich in erster Linie den GSE-Unterricht, in dem es ja vor allem auch darum geht, aus der Geschichte zu lernen. Geschichts-unterricht vor Ort ist dabei besonders gut geeignet, unsere Schüler zum Nachdenken zu bringen. Und deshalb ist es an unserer Schule seit Jahren üblich und gehört geradezu zum Pflichtprogramm in den oberen Klassen, zur KZ- Gedenkstätte Dachau zu fahren, um hier an einem Originalschauplatz etwa den verbrecherischen und menschenverachtenden Charakter des Nazi-Regimes vor Augen geführt zu bekommen.

Denkmal

Wie unsere Schüler die dortigen Eindrücke verarbeiten, soll stellvertretend eine Arbeit verdeutlichen, die wir hier in Auszügen wiedergeben:

KZ Text k

Seit vielen Jahren steht auch immer wieder vor allem im Rahmen von Klassenfahrten der Besuch von Soldatenfriedhöfen an, z. B. in Frankreich oder in Italien. Anschließend geben unsere Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke wieder, oft auch in schriftlicher Form. Stellvertretend für viele Stellungnahmen hier zwei Beispiele:

Gedenkstaetten Text k   "Meine persönlichen Gedanken beim Besuch der Gedenkstätte waren: "Wie viele tote Soldaten und Zivilisten muss der Krieg gefordert haben? Hätte es das überhaupt gebraucht? Warum waren die Menschen so dumm?" ... Ich lernte durch unseren Besuch des Soldatenfriedhofes am Futa-Pass, wie wichtig es ist, dass sich die Völker untereinander achten und respektieren. Dass Machtkämpfe auch politisch so gelöst werden sollten, dass Kriege wie der Erste oder Zweite Weltkrieg verhindert werden und somit keine Opfer fordern. Deshalb sollten wir uns immer daran erinnern und es unseren Kindern und Enkeln weitererzählen. Es muss in unserer Erinnerung und in der der nachfolgenden Generationen erhalten bleiben, um zu verhindern, dass nochmals so großes Leid über Menschen hereinbricht.
Ich wünsche uns allen, dass uns eine solche Situation, wie sie der Erste oder Zweite Weltkrieg darstellte, erspart bleibt und wir alle den Wert unserer freiheitlichen Demokratie achten und zu schätzen wissen."

Auch die Begegnung mit Zeitzeugen ist für unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis. So hatten unsere Acht- und Neuntklässler z. B. im November 1999 Gelegenheit, sich von Mietek Pemper, einem der engsten Vertrauten Oskar Schindlers, persönlich die Schrecken in den Vernichtungslagern der Nazis im Osten schildern zu lassen, denen einige wenige nur deshalb entkommen konnten, weil sie auf "Schindlers Liste" standen. Und im März 2004 lauschten ebenfalls wieder Acht- und Neuntklässler fasziniert den Ausführungen unseres ehemaligen Kollegen Karl Frank, der die Augsburger Bombennacht vom 25./26. Februar 1944 als Fünfzehnjähriger miterlebt hatte und unseren Schülern ins Stammbuch schrieb:

"Seid froh, dass ihr in dieser Sch ... Demokratie leben dürft!"

Pemper Frank
Mietek Pemper Karl Frank

 

In der heutigen Zeit, die von einer zunehmenden Orientierungslosigkeit und einem beunruhigenden Werteverfall gekennzeichnet ist, wird Gewaltprävention und Friedenserziehung immer wichtiger. Die oben angeführten Beispiele zeigen, dass die Bemühungen der Schule, gepaart mit der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den verschiedensten Institutionen, durchaus sinnvoll sind und Früchte tragen. Langfristig erfolgreich können wir aber nur sein, wenn alle am Erziehungsprozess Beteiligten sich tagtäglich ihrer Verantwortung bewusst werden.

In diesem Zusammenhang sei der große Freiburger Dichter Reinhold Schneider zitiert: "Der Frieden in der Welt muss in unseren Herzen, in unserem Hause den Ursprung nehmen."

Darum sollten wir zum Schluss noch einmal auf die Geschichte von Astrid Lindgren zurückkommen. Darin heißt es: "Und wie soll es Frieden geben in der Welt, wenn es keine friedfertigen Menschen gibt? Zu Hause, in den Wohnungen, da muss der Friede beginnen. Ich glaube, es wäre gut, wenn ein Stein in den Küchenregalen läge, fast überall auf der Welt, als Erinnerung: Schluss mit der Gewalt!"

G. Breunig

   
   
   
   
   
   
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