Himmlisch, höllisch, paradiesisch

Das Buchprojekt HEAVEN HELL & PARADISE - von der ersten Idee zum fertigen Buch

 

Als Autorin hatte ich an der Schiller-Volksschule bereits mehrere Lesungen gehalten, als ich eine 7. Klasse, die jetzige 9a, im Fach Deutsch bekam.
Eines Tages hieß es von Schülerseite: "Sie schreiben doch Bücher. Schreiben Sie mal ein Buch über uns!" Erst lachte ich und sagte: "Eine lustige Idee!" Dann konterte ich und schlug vor:
"Schreibt selbst ein Buch über euch. Ich helfe euch dabei."
Zunächst war die Reaktion eher zurückhaltend. Es kam den Schülerinnen und Schülern wohl unwahrscheinlich vor, selbst zu Buchautor/ innen werden zu können. Doch als ich immer wieder Schreibanlässe bot, die mir geeignet schienen, schrieben sie munter drauflos. Ich selbst konnte insgeheim noch nicht so ganz an ein Buch glauben.

Auf einem Lehrer- Workshop lernte ich Dr. Michael Friedrichs kennen, der Lektor beim Augsburger Wißner- Verlag ist. Als ich ihm von unserem Vorhaben berichtete, ermunterte er mich sehr. Dr. Friedrichs und der Wißner- Verlag hatten in den letzten Jahren ja schon einige Bücher mit Texten von Schülerlinnen herausgebracht - Ergebnisse der jeweiligen Schreibwettbewerbe für Augsburger Schulen. Ich selbst hatte mich schon darüber beschwert, dass Hauptschüler/ innen darin eher selten vorkamen, und so war es nur logisch, dass man mich ein wenig "in die Pflicht" nahm. Ich selbst war nun sicher: Ich lasse nicht mehr locker.

Dann folgte die anstrengende und zunächst ergebnislose Suche nach Sponsoren. Erst im Juni 2009, also zum Ende der 8. Klasse, erfuhr ich von "STÄRKEN vor Ort", einem Programm, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, vom Europäischen Sozialfonds und von der Europäischen Union gefördert wird. Ich sprach mit unserem Schulleiter, Herrn Breunig, über mein geplantes Buchprojekt und über diese Möglichkeit der Finanzierung, fand seine Zustimmung und stellte in letzter Minute einen Förderantrag. Mitten in den Sommerferien erfuhr ich, dass wir das Geld für unser geplantes Buch bekommen würden.

Zu Beginn des Schuljahres 2009/200, im September 2009 also, begannen wir, äußerst intensiv am Projekt zu arbeiten: Ich nutzte meinen Deutsch- und Kunstunterricht nach Kräften, versuchte, dem Lehrplan, den Bedürfnissen der Schüler/innen und dem Buch gleichermaßen gerecht zu werden - und so entstanden Zug um Zug Texte und Bilder, die schließlich fürs Buch zur Verfügung standen. Darüber hinaus dachte ich bei allem, was ich sah, las und erlebte:
Könnte das ein Impuls für unser Projekt sein?

BrueckeDann tat sich noch etwas: Das Literaturhaus München, das bisher schon öfter Schreibwerkstätten mit Gymnasialklassen durchgeführt hatte, wollte 2009 gezielt Hauptschulen ansprechen. Im Juni 2009 war eine Auftaktveranstaltung im Literaturhaus gewesen, bei der sich sechs Zweier-Teams von Münchner Literaturschaffenden vorgestellt hatten. Ohne große Hoffnung bewarb ich mich mit meiner Klasse um die Teilnahme und - wie durch ein Wunder - "gewannen" wir das Duo Andrea Funk und Beate Schäfer, die das Thema "Helden wie wir" anboten. Für mich schien dies ein wunderbar passendes Motto zu sein.

Aber würden sich Schüler/innen finden, die neben der Schule mitarbeiten wollten? Tatsächlich ließ sich genau die Hälfte der Klasse dazu motivieren, einmal pro Woche zusätzlich zwei Stunden nachmittags in die Schule zu kommen und auf verschiedenste Schreibimpulse zu reagieren. Die entstandenen Texte wurden bei der Abschlussveranstaltung im Literaturhaus am 16. 12.2009 nicht nur vorgetragen, sondern regelrecht "aufgeführt". Andrea und Beate sei Dank!

Coaching 01 Coaching 02 Coaching 03

 

Bei einem Besuch in meiner Heimatstadt lernte ich Klaus Stempfle kennen und erfuhr zufällig, dass er gemeinsam mit Kathrin Seheder als Business-Coach arbeitet. Sofort war die Idee da: So etwas könnte meine Schüler/innen stärken und im Buch dokumentiert werden. Die beiden Business-Coaches hatten Lust auf das Experiment, und wir packten es an. Mir war nicht ganz wohl dabei, denn ich wusste, dass die beiden Trainer normalerweise in der Industrie tätig waren. Doch das Businesstraining verlief so gut, dass das Coaching- Paar am Ende den Hauptschüler/innen auch noch ein Tischkultur- Training spendierte. Beides sollte im Buch seinen Niederschlag finden. "Wir wissen jetzt besser, wie wir uns bei einem Vorstellungsgespräch und bei einem feinen Essen benehmen müssen. So blamieren wir uns wenigstens nicht", war die einhellige Schülermeinung nach den beiden Trainings.

Coaching 04 Coaching 05 Coaching 06
     
Coaching 07 Coaching 08 Coaching 09

Coaching 10

Im "STÄRKEN"-Konzept hatte ich angegeben, dass die Schülerlinnen über das Textschaffen hinaus in das Buch eingebunden sein würden. Grafik, Layout, Finanzen und Werbung - alles auch Sache der Schüler/innen' In Claudia Baumann fanden wir eine Grafikerin, die bereit war, den Schülerlinnen Know-how zu vermitteln - in Grundzügen der Grafik und des Layouts: Typografie, Psychologie der Farben, Titelgestaltung ... Außerdem erwies sich Jo Graue, Leiter der Medienstelle Augsburg des JFF (MSA), mit seinem Team - wie schon bei mehreren Projekten - als äußerst kooperativ und hilfreich.

HHP 01 HHP 02

Eine weitere "Fügung" gab unserem Buchprojekt einen entscheidenden Kick:
In den Sommerferien hatte ich selbst die Ausstellung "Irdische Paradiese" der Kasser Art Foundation im Augsburger Schaezler-Palais besucht und beschlossen: Wenn es in Augsburg schon eine solche Ausstellung gibt, dann "müssen" meine Schülerlinnen die auch sehen. Nach dem Besuch dieser Ausstellung ließ ich die jungen Leute paradiesische Bilder nachempfinden und setzte einige Impulse zu Texten über "Mein persönliches Paradies". Die Ergebnisse gerieten so bemerkenswert, dass die Augsburger Museumspädagogin, Manuela Wagner, und der Leiter der Städtischen Kunstsammlungen, Dr. Christoph Trepesch, ihnen eine Sonderausstellung widmeten. Bei der Eröffnung war ein Teil der Klasse dabei, drei Schüler/innen hielten Autorenlesung.

HHP 03 HHP 04

Kurz darauf stand der Titel "Himmel, Hölle, Paradiese" - für die schönen und die unschönen Dinge des Lebens und für die Wunschträume, die jeder so hat - im Raum. Die 9a regte an: "Wenn schon, dann auf Englisch! Das passt besser zu uns, und Jugendliche werden das Buch so lieber kaufen."

Gemeinsam mit Claudia Baumann und mit den MSA-Leuten Susanne Rössling, Frederike Guggemos und Steffen Steyer wurde die Cover- Schrift entwickelt. Eugen Bobritzki verblüffte Mitschüler/innen und Lehrerin mit seinem Können. Fotos von Schülergruppen wurden so verfremdet, dass sie zum Stil des Covers passten.

HHP 05 HHP 06 HHP 07

HHP 08Im Laufe der nächsten Monate entstanden immer wieder Texte - mal bei mir im Unterricht, mal in Workshops, die sich um Lyrik, Zweisprachigkeit und falsche Paradiese drehten.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich den Schüler/innen ganz schön auf die Nerven ging. Einige sagten mir auch ehrlich: "So viel schreiben ... Das passt eigentlich gar nicht zu mir." Umgekehrt hörte ich Stimmen wie: "Mir macht es zurzeit in der Schule richtig Spaß. Das hat auch mit dem Buchprojekt zu tun."
Für diejenigen, die ihren Alltag schon immer gerne schreibend verarbeiteten, reichten oft winzige Schreibanlässe - und es sprudelte. Andere schienen selbst erstaunt, dass sie plötzlich Texte produzierten. Ein paar tobten sich zielgerichtet am PC aus. Kristina Springer illustrierte unermüdlich. Sie war ohnehin bekannt dafür, in jeder freien Sekunde zu zeichnen - nicht immer zur Freude von uns Lehrkräften. Nun konnte sie sich vor Illustrationsaufträgen nicht retten.
In den Osterferien 2010 musste letzte Hand an das Layout gelegt werden. Seyhan Demircioglu, Eugen Bobritzki und ich standen in ständigem Chat- und Mailkontakt und trafen uns auch während der Ferien. Am Ende hatten wir 176 Buchseiten komplett - und waren (in doppelter Hinsicht) fertig.

PraisesEine weitere glückliche Fügung hatte bewirkt, dass sich Prof. Dr. Dr. Ulich, der an der LMU Pädagogische Psychologie gelehrt hatte, für das Buch interessierte, es sogar Korrektur las und schließlich ein schönes Praise für die Rückseite lieferte. Auch ein Spieler des derzeit so erfolgreichen FC Augsburg schrieb uns einen anerkennenden Satz. Und schließlich erklärte sich Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung bereit, das Buch in PDF-Form zu lesen - auch dies mit dem Ergebnis, dass wir ein wunderbares drittes Praise bekamen. 

Inzwischen hat uns auch der deutsche Kinder- und Jugendbuchautor Paul Maar eine Mail geschickt: "Ich habe HEAVEN HELL & PARADISE" mit zunehmendem Interesse und wachsender Faszination gelesen. Ein wirklich schönes, überraschendes, wichtiges Buch! Die Autorinnen und Autoren sind einem nach der Lektüre ganz nah. "

FlyerWarum mir dieses Buch so ganz besonders am Herzen liegt, möchte ich zum Abschluss noch mal betonen: In Gesprächen stelle ich immer wieder fest, dass Menschen, die sich als gebildet betrachten - klassische Leser also - recht wenig über das Leben, das Denken, das Fühlen von Hauptschülerlinnen im Allgemeinen und Migrantenkindern im Besonderen wissen. Eigentlich klar: Es gibt kaum Berührungspunkte. Wenn überhaupt, wird etwas über diese jungen Leute geschrieben. Dass sie selbst schreiben, dass sie ihre Gedanken und Gefühle, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste in schriftlicher Form preisgeben, halte ich wirklich für etwas Besonderes - das Ergebnis für absolut lesenswert.

Noch immer ist dieses Buchprojekt für mich eine wunderbare Verschmelzung meiner beiden Berufe. Allerdings muss ich ehrlich gestehen:
Es war viel, viel Arbeit. In meinen Augen aber eine Arbeit, die sich gelohnt hat!

H. Brosche

   
   
   
   
   
   
© 2012 Schillerschule Augsburg-Lechhausen Alle Rechte vorbehalten.