Editorial 2009/2010

Heaven, Hell & Paradise

"Der erste Blick
von Montag bis Freitag aus dem Fenster ist
wie die Hölle mit
dem Teufel höchstpersönlich. Die Hölle, die Schule.
Der Teufel.
Manche Lehrer, nicht alle.
Es klingelt, der Unterricht beginnt.
3 Stunden, dann die Erlösung, Pause. Ding Dong Pause aus.
Jeder trottet ins Höllenhaus. 3 Stunden später
gehen wir nach Haus,
außer der Nachmittag
fällt nicht aus.
Schule ist Hölle,
aber auch ne gute Zeit. Schade, wenn sie vorbei ist, bald,
die Höllenfahrt."

Dieser Text - in freier Abwandlung eines Gedichts von Bertolt Brecht - stammt aus dem Buch "HEAVEN, HELL & PARADISE", das die Schülerinnen und Schüler der diesjährigen Klasse 9a unter Anleitung ihrer Deutschlehrerin in den letzten beiden Schuljahren geschrieben haben.

Nach Ansicht von Prof. Dr. Dr. Klaus Ulich von der Ludwig-Maximilians-Universität in München gehört dieses Buch in die Hände aller Hauptschullehrerinnen und Hauptschullehrer. Darüber hinaus sollten es aber überhaupt alle lesen, die in ihrer täglichen Erziehungsarbeit mit Jugendlichen dieses Alters zu tun haben, in welcher Funktion auch immer. Hautnah begegnen wir nämlich auf jeder Seite in vielen bemerkenswerten Texten jungen Menschen, die uns Einblick nehmen lassen in ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, aber auch in ihre Sorgen, Nöte und Ängste, kurz in alles, was sie bewegt, beflügelt und belastet. Wir lernen sie kennen mit all ihren Schwächen, die von unserer Leistungsgesellschaft häufig überbetont werden, aber auch mit ihren großen Stärken, und da tritt so manches Erstaunliche zutage, was im "normalen" Schulbetrieb oft übersehen wird oder nicht recht zur Entfaltung kommen kann.

Wenn der Autor unseres Eingangstextes von der Hölle schreibt, dann hat er sehr wahrscheinlich den Teil der Schularbeit im Blick, der mit ständigem Leistungsdruck, mit Lernen, Büffeln und Pauken ebenso zu tun hat wie mit häufig zumindest als anstrengend empfundenem Unterricht und mit - natürlich berechtigterweise - permanent eingeforderter Pflichterfüllung. Bemerkenswert sind die letzten vier Zeilen. Viele unserer Schülerinnen und Schüler wissen sehr wohl, dass Schule nicht nur "die Hölle" ist, sondern auch "himmlisch", manchmal sogar "paradiesisch" sein kann, vor allem dann, wenn nicht nur ständig an den Intellekt appelliert wird, sondern wenn unsere Kinder und Jugendlichen auch die Chance haben, sich kreativ zu betätigen, wenn sie zeigen können, was jenseits des Erreichens vorgegebener Lernziele in ihnen steckt, sei es im praktischen, sportlichen, musischen oder sozialen Bereich. Und dass es an der Schillerschule dazu reichlich Gelegenheit gibt, ist nicht nur dem Evaluationsteam aufgefallen, das zu Beginn dieses Schuljahres unsere Schule unter die Lupe genommen hat und die vielfältigen Aktivitäten unserer Schülerinnen und Schüler äußerst positiv bewertet hat, auf welchem Gebiet auch immer.

Dass sich allerdings die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen in vielen Bereichen entfalten können, die nicht für jedermann auf den ersten Blick mit Schule zu tun haben, liegt natürlich auch daran, dass dazu bewusst und gezielt Gelegenheiten geschaffen werden. Beispiele dafür ließen sich auch in diesem Schuljahr wieder viele nennen. Dabei ist nicht nur an die besonderen Aktivitäten und Projekte zu denken, die speziell im Rahmen der 2. Lechhauser KulturNacht in den Blickwinkel der Öffentlichkeit rückten. Die erwähnte "Produktion" von HEAVEN, HELL & PARADISE oder die Arbeit am bereits mehrfach preisgekrönten Film INsideOUT gehören ebenso dazu wie die intensive Kooperation mit verschiedenen Künstlern bei der Gestaltung einer "Dschungellandschaft" im 2. Obergeschoss und des "Buchstabenmosaiks" vor unserer Schülerbücherei oder bei der beginnenden Umgestaltung des Hauptschulpausenhofs zu einem "Lebensraum" der besonderen Art für unsere Fünft- bis Zehntklässler.

Unbedingt genannt werden müssen aber auch viele weitere Projekte in Grund- und Hauptschule sowie zahllose Aktivitäten, die unseren Schülerinnen und Schülern oft genug z.B. das "Lernen vor Ort" ermöglicht haben, wenn die detaillierte Auflistung hier auch den Rahmen sprengen würde.
Trotz alledem kommt dabei die Vermittlung des nötigen Wissen~ und der erforderlichen Kompetenzen, z.B. für den Übertritt auf weiterführende Schulen oder die erfolgreiche Bewältigung des qualifizierenden Hauptschulabschlusses oder des Mittleren Abschlusses, nicht zu kurz, was die erfreulichen Ergebnisse in der Grundschule ebenso wie in der Hauptschule auch dieses Jahr wieder bestätigen.
Unsere Schülerinnen und Schüler - jedenfalls die meisten - wissen schon, wem sie das zu verdanken haben. Eine bezeichnende Stelle aus HEAVEN, HELL & PARADISE macht das deutlich:
"Meine Helden sind die Lehrer.
Sie können uns viel über einen Bereich beibringen.
Sie wissen mehr über ein Thema als wir. Ich finde sie gut, weil sie uns in unser Arbeitsleben begleiten. Am wichtigsten ist für sie ihr Ziel, dass Schüler etwas erreichen.
Sie kämpfen gegen die Unwissenheit der Schüler. ( ... ) Sie versuchen, das Schulleben von Schülern leichter zu gestalten. "

Wenn wir Lehrkräfte diese Zeilen lesen, fühlen wir uns natürlich bestätigt, das hat doch - durchaus berechtigterweise - zumindest einen Hauch von "HEAVEN" und "PARADISE".

Die Verfasserin schreibt in ihrer Lobeshymne aber auch: "In meinem Leben sollen meine Helden sehr respektvoll behandelt werden". Und unter der Rubrik "Belastendes" liest man bei anderen Schülern - man höre und staune - z.B. "respektloses Benehmen", "unreife Kinder", "Blödsinn im Kopf“, "die frechen Schüler".

Tatsächlich können Lehrkräfte auch davon häufig und leidvoll ein Lied singen - hier scheint gelegentlich sicher auch ein Stück "HELL" durch! - Doch irgendwie ist es höchst bemerkenswert und auch wieder ganz tröstlich, dass sich offenbar eine Mehrheit unserer Schülerinnen und Schüler einen respektvollen Umgang miteinander und mit den Lehrkräften wünscht.

Das ist sicherlich auch ganz im Sinne unserer Eltern die im Übrigen ihre Kinder bei uns schon gut aufgehoben wissen - auch dies wurde bei der Evaluation deutlich.
Was die Evaluatoren ebenfalls hervorhoben, ist das große Engagement unserer Elternschaft, und hier insbesondere des Elternbeirats. Dieses Engagement ist auch im laufenden Schuljahr wieder vielfach deutlich geworden, als Beispiele seien nur das regelmäßig angebotene "gesunde Pausenbrot" und die Wiederholung des grandiosen vorjährigen Fingerfood-Buffets bei der diesjährigen Lechhauser KulrurNacht genannt - unsere Neuntklässler hätten das sicher eingeordnet unter der Überschrift .welcome to paradise!"

Worunter allerdings Kinder, Lehrkräfte und auch Eltern gleichermaßen leiden, ist - bei allen Versuchen gegenzusteuern - der zunehmende Leistungsdruck, dem sich unsere Schülerinnen und Schüler ausgesetzt sehen und der - trotz gegenteiliger Beteuerungen - eigentlich immer noch früher beginnt. Gar nicht himmlisch und gar nicht paradiesisch ist es, wenn Kinder von Versagensängsten geplagt werden, die sich oft auch in körperlichen Beschwerden äußern, wenn sie sich vielleicht sogar schämen müssen, Schwäche zu zeigen, und wenn ein nicht gelungener Übertritt oder eine nicht bestandene Leistungserhebung zur großen Katastrophe wird.

Unsere Neuntklässler und Neuntklässlerinnen haben mit ihrem Buch "HEAVEN, HELL & PARADISE" eindrucksvoll gezeigt, dass Schule mehr ist als das permanente Abverlangen und Erbringen von Leistungen im herkömmlichen Sinne - sie haben mit der "Produktion" ihres Buches Erstaunliches und Außergewöhnliches geleistet, viel mehr als die meisten ihnen zugetraut hätten - sie hatten aber auch Gelegenheit, den Beweis für ihre Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft zu erbringen, und das gilt - wie schon erwähnt - für viele Schülerinnen und Schüler unserer Schule, wofür ich vor allem den Lehrkräften an dieser Stelle herzlich danken möchte.

Danken möchte ich aber auch der Elternschaft und hier insbesondere unserem Elternbeirat, der so manches Projekt, das weit über den eigentlichen Schulbetrieb hinausging, engagiert und großzügig unterstützt und damit bewusst auch Signale gesetzt hat.

Ein weiteres Dankeschön gilt unseren zahlreichen außerschulischen Partnern, die im Einzelnen alle gar nicht genannt werden können, sowie natürlich unserem Haus- und Verwaltungspersonal.

Alle gemeinsam bilden sie die Schulfamilie der Schillerschule. Allen "Familienmitgliedern" darf ich an dieser Stelle für die kommenden Wochen erholsame und erlebnisreiche Ferien wünschen, die dazu dienen mögen, für das neue Schuljahr genügend Kraft zu tanken, in dem dann die "HEAVEN"-Anteile gegenüber den "HELL"-Momenten deutlich überwiegen, so dass wir der Idealvorstellung von "PARADISE" ziemlich nahekommen können.

Allerdings ist das so eine Sache mit der Idealvorstellung vom Paradies, worüber sich eine Neuntklässlerin bemerkenswerte Gedanken gemacht hat, über die es sich meines Erachtens lohnt nachzudenken und die ich abschließend auszugsweise wiedergeben darf:
"Ein Paradies? Ich schätze, darunter verstehen die meisten Vollkommenheit und dass dort alles perfekt sein muss. Ein Leben in Glück und Freude, oder? Doch würden Sie in einem Paradies, in dem Sie alles haben könnten, wirklich glücklich sein? Ohne all die negativen Dinge? Wenn Sie nun nicken, ist das ihr persönliches Recht und ich werde es akzeptieren. Allerdings werde ich währenddessen den Kopf schütteln. Ich denke nämlich nicht, dass ich in solch einem Paradies glücklich sein werde, da es dort keiner Ausgleich gibt. Denn wie kann ich Glück spüren wenn ich keine Trauer spüren kann? Das Glück war. selbstverständlich und nichts Besonderes mehr. Kein Nervenkitzel, kein sehnsüchtiges Lächeln ... Es war. alles weg. Ohne Groß gäbe es kein Klein. Ohne die Dunkelheit kein Licht, und ohne den Tag gäbe e keine Nacht. Wie soll man denn dann in den Himmel blicken und die Sterne bewundern, wenn es doch gar keine Nacht gibt, sondern nur den Tag? Man würde e nicht kennen und den Tag so hinnehmen. Würde mal die Nacht jedoch kennen, würde man sie vermissen. Ich möchte jetzt nicht damit sagen, dass ich die negativen Erlebnisse mag, auf keinen Fall! Aber man braucht eben das Gegenteil, um das Gewünschte zu erfahren. Deshalb wäre ich in einem perfekten Paradies nie glücklich. Ich würde nichts anderes kennen und die als normal einstufen. Darum würde ich mein Paradies niemals perfektionieren."

G. Breunig

   
   
   
   
   
   
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