Editorial2001/2002

Gedanken am Ende eines nicht ganz einfachen Schuljahres

Kaum waren am 11. September 2001, dem diesjährigen ersten Schultag, Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihren Lehrkräften mit frischem Elan und jeder Menge guter Vorsätze in das neue Schuljahr gestartet, traf uns alle der Schock der ungeheuerlichen Ereignisse von New York und Washington. Lähmendes Entsetzen machte sich breit, und viele von uns hatten lange damit zu tun, das furchtbare Geschehen zu verarbeiten. Dass in vielen Klassenzimmern die Ereignisse thematisiert und dabei verantwortungsvoll von verschiedenen Seiten beleuchtet und diskutiert wurden, trug sicher dazu bei, den Schock überwinden zu helfen, ohne dabei aber aus dem Blick zu verlieren, was in Fernsehsendungen kurz nach dem Inferno immer wieder betont wurde, dass nämlich jetzt unwiderruflich das Ende der sog. "Spaß-Gesellschaft" gekommen sei.

Anfang Dezember traf uns dann eine weitere "Hiobsbotschaft", wenn auch mit dem 11. September nicht zu vergleichen:
Die Ergebnisse der sog. PISA-Studie stellten dem deutschen Bildungswesen ein vernichtendes Zeugnis aus, was die Vermittlung von Grundkompetenzen angeht, die für die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und am Wirtschaftsprozess unabdingbar sind und die als Voraussetzung dafür geIten, ein Leben lang in eigener Verantwortung weiter lernen zu können. Solche Kernanforderungen sind nach einvernehmlicher Einschätzung Lesekompetenz als Schlüsselqualifikation schlechthin, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie die fächerübergreifenden Kompetenzen selbstreguliertes Lernen und Problemlösen. Besonders in den ersten Bereichen liegt der von deutschen Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten erreichte Mittelwert signifikant unter dem Durchschnitt der Ergebnisse aus allen 31 Ländern, die weltweit an "PISA" teilgenommen haben. Was dabei zusätzlichen Anlass zur Besorgnis gibt, ist die Tatsache, dass ganz erhebliche Leistungsunterschiede innerhalb der Gesamtschülerschaft festzustellen sind. So steht den 23 % aller Schüler, die nicht einmal die elementarsten Fähigkeiten nachweisen können, ein Anteil von lediglich 9 % gegenüber, die das höchste Anforderungsniveau erreichen. Und noch ein weiteres Ergebnis muss bedenklich stimmen: Der Zusammenhang von Leistung und sozialem Hintergrund ist in Deutschland besonders eng, während er in anderen Ländern ausgeglichener erscheint. Dabei ist vor allem zu denken an den sozialen Status und das kulturelle Kapital der Eltern, die Kommunikation in der Familie und die Unterstützung der Schule.

Während seit dem Bekanntwerden der "PISA"-Ergebnisse auf allen Ebenen fieberhaft über Schlussfolgerungen nachgedacht wurde und schon erste Weichenstellungen vor allem im Hinblick auf die Verbesserung der so dringend nötigen Sprachkompetenz zu erkennen waren, traf die deutsche Öffentlichkeit und hier insbesondere unsere Schulen der nächste Schlag:
Ende April lief ein gescheiterter Schüler Amok in einem Erfurter Gymnasium und löschte dabei 16 Menschenleben aus, bevor er sich selbst richtete - eine ungeheuerliche, unfassbare Tat, die maßlose Betroffenheit, tiefe Erschütterung und vor allem eine große Ratlosigkeit ausgelöst hat - eine Ratlosigkeit, die, um mit den Worten unseres Bundespräsidenten zu sprechen, nicht überspielt werden, uns wohl aber zur Besinnung rufen sollte.

Dazu hat Johannes Rau in seiner Erfurter Rede anlässlich der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufes bedenkenswerte Überlegungen angestellt, aus denen hier auszugsweise zitiert werden soll.

" ... Wenn unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, wenn unsere Familien, unsere kleinen Gemeinschaften, unsere Schulen, unsere Betriebe, unsere Vereine zusammenhalten sollen, dann müssen wir uns umeinander kümmern.

Wir brauchen zweierlei: Wir müssen einander achten und wir müssen aufeinander achten.

Wir müssen einander achten:
Niemand darf abgedrängt werden, niemand darf an einen Punkt kommen, an dem er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann, weil er "nichts bringt': wie man so sagt. Kein Mensch kann leben ohne Zuwendung, ohne Geborgenheit, ohne Liebe. Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann.

Wir müssen aber auch aufeinander achten:
Es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn unsere Freunde, unsere Schulkame-raden, unsere Kinder, unsere Kollegen nicht mehr mitkommen, wenn sie Wege gehen, die ins Abseits führen, wenn sie aus der Wirklichkeit in die ScheinweIten von Drogen oder elektronischen Spielen flüchten.

"Aufeinander achten, das heißt, einander mitnehmen, füreinander da sein. ...“

" ... Haben wir uns nicht zu sehr daran gewöhnt, dass Gewalt, Hass und Hemmungslosigkeit nicht nur im Film und in Computerspielen selbstverständlich sind, sondern dass sie auch manche Talkshow und manche unserer Gespräche bestimmen?"

Doch bevor wir allein den Medien die Schuld geben: Tragen wir nicht selber dazu bei, dass mit der Darstellung von Hass und Gewalt, dass mit menschlichem Leid hohe Einschaltquoten erreicht werden?

Die Selbstkontrolle der Medien ist wichtig. Unsere eigene Selbstkontrolle ist aber noch wichtiger. WIi' müssen uns gegen eine Verrohung unserer Gesellschaft wehren - und diesen Kampf muss jeder bei sich selber beginnen ..."

" ... Die modernen Kommunikationsmedien sind unverzichtbar. Schulen brauchen aber mehr als den Anschluss ans weltweite Netz. Schüler brauchen lebendige, erfahrbare Netze, die sie halten' sie brauchen Netzwerke aus Mitmenschlichkeit und Interesse am anderen.

Unsere Kinder und Schiller müssen sich aneinander messen. Sie müssen lernen Konkurrenz auszuhalten. Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd Immer muss aber klar sein dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall ....."

" ... Schulen dürfen nicht zu Orten der Angst werden - weder für Schüler noch für Lehrer. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland für die großartige und engagierte Arbeit, die so viele von Ihnen leisten. Manchmal tun sie das unter ganz schwierigen Bedingungen. Sie sorgen dafür, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem man lernen kann, in Achtung voreinander zusammen zu arbeiten und zu leben ..."

" ... Unser Zusammenleben darf nicht zu einem erbarmungslosen Konkurrenz-kampf werden. Eine menschenfreundliche Gesellschaft lebt von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität mit den Schwachen, von der Aufmerksamkeit füreinander. .. "

Einander achten und aufeinander achten - diese Forderungen stehen im Mittelpunkt dieser bemerkenswerten Rede - und an dieser Stelle muss von einem Grundgedanken die Rede sein, dem sich unsere Schule nicht erst seit dem vergangenen Schuljahr verschrieben hat, dem respektvollen und verantwortungsbewussten Miteinander.

Auch im vergangenen Schuljahr zog sich das Bemühen um dieses Miteinander nicht nur wie ein roter Faden durch den ganz normalen alltäglichen Schulbetrieb, wenn auch manchmal eher unauffällig, doch dabei nicht weniger effektiv, sondern stand im Zentrum zahlreicher Aktionen und Veranstaltungen.
Dabei ist natürlich in erster Linie an unsere beiden Miteinander- Tage im Mai  zu erinnern, die in jeder Hinsicht ein voller Erfolg waren und vielen lange in guter Erinnerung bleiben werden (...). Ein funktionierendes Miteinander betrifft aber nicht nur den "internen" Schulbetrieb, das Schulleben und den Schulalltag im engeren Sinne, sondern auch das vielfältige Zusammenwirken mit den verschiedensten Institutionen.

An erster Stelle sei hier das seit vielen Jahren fruchtbare und segensreiche Wirken der Fachbasis Lechhausen genannt, in deren Arbeit unsere Schule maßgeblich integriert ist. Ihr langjähriges Engagement für die Jugendarbeit im Stadtteil wurde im November 2001 mit der Verleihung des bayerischen Sozialpreises honoriert. Die Organisation und Durchführung von Projekttagen für die 7. und 8. Klassen im Oktober 2001, vor allem mit intensivster Unterstützung durch das benachbarte Jugendhaus, muss dabei ebenso erwähnt werden wie die Fortführung des Lechhauser Sportprojekts und das weitgehend durch Jugendliche - darunter viele Schülerinnen und Schüler der Schillerschule - mitorganisierte Stadtteilfest im Juni. Als Beweis für die exzellente Zusammenarbeit vor allem mit dem Jugendhaus Lechhausen soll auch heuer die trotz knapper Kassen erfolgreiche Fortführung unserer Mittags- und Nachmittagsbetreuung angeführt werden, die in diesem Schuljahr sogar noch weiter ausgebaut und intensiviert werden konnte.

Nicht nur der engen Zusammenarbeit mit der Fachbasis Lechhausen ist es zu danken, dass im Herbst 2001 unser traditioneller Berufsinfomarkt für die neunten Klassen wieder ein voller Erfolg war, sondern auch insbesondere der Lechhauser Wirtschaft, bei der wir uns für die intensive Kooperation nicht nur in diesem Bereich ganz herzlich bedanken (siehe eigenen Beitrag). Dass über das Engagement bei unserer traditionellen Informations- und Ausbildungsplatzbörse hinaus auch die Inbetriebnahme unseres neuen Computerraumes nur mit ihrer Unterstützung gelingen konnte, bedarf besonderer Erwähnung und ist im Detail ebenfalls an anderer Stelle nachzulesen. Im Übrigen sind wir in diesem Zusammenhang auch der Stadt Augsburg zu Dank verpflichtet, ebenso dafür, dass sie die Voraussetzungen geschaffen hat für den Beginn der dringend notwendigen Schulhaussanierung. So gelang es u. a. gegen Schuljahresende doch noch, mit vereinten Kräften die Arbeiten zur Verschönerung unseres Schulhauses in Angriff zu nehmen, wobei es sich auch hier um eine echte Gemeinschaftsaktion gehandelt hat, waren doch neben dem Schulverwaltungsamt auch Lehrkräfte, Schüler, Mitglieder des Elternbeirats und nicht zuletzt als unermüdlicher Motor maßgeblich unser Hausmeister daran beteiligt.

Und nun zum Schluss noch einmal zurück zur PISA-Studie: Nicht erst seit " ihre Ergebnisse vorliegen, sondern immer schon geht es uns an unserer Schule um die Integration unserer Schülerinnen und Schüler aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern und Kulturräumen und dabei nicht zuletzt auch um die Förderung der so dringend nötigen Sprachkompetenz als Grundlage für alles weitere erfolgreiche Lernen, allerdings auch um andere Aspekte, die einen wesentlichen Teil dessen ausmachen, was man unter Bildung versteht. So kann unseres Erachtens die Konsequenz aus den PISA-Ergebnissen nicht darin bestehen, die Vermittlung sozialer Kompetenz aus dem Auge zu verlieren, den eminent wichtigen musischen Bereich in den Hintergrund geraten zu lassen oder gar die besonders in der heutigen Zeit unverzichtbare Werteerziehung einem zweifellos notwendigen verstärkten Leistungsdenken in der Schule zu opfern. In diesem Zusammenhang wäre auch die Beendigung der Schulsozialarbeit aus finanziellen Gründen (!) ein fatales Signal, das nicht nur nach den Ereignissen von Erfurt ganz einfach nicht gesetzt werden darf (...)!

Dass aus PISA und Erfurt Konsequenzen gezogen werden müssen, ist unzweifelhaft. Das gilt allerdings auf allen Ebenen und für alle Beteiligten: für Schule, Elternschaft, Gesellschaft und Politik.

Eines darf nämlich nicht passieren, was der Berliner Schulsenator nach Bekanntwerden der PISA-Studie gesagt hat: "Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen, dann wird heftig gestritten, aber ändern tut sich nichts!"

Und so möchte ich zum Schluss allen danken, die darum bemüht waren und sind, dass unsere Schule auf dem guten Weg bleibt, auf dem sie sich befindet, allen Schülerinnen und Schülern mit ihren Eltern, den Lehrkräften, der Verwaltung und dem Hauspersonal schöne und erholsame Ferien wünschen, verbunden mit der Hoffnung, dass wir dann zu Beginn des nächsten Schuljahrs unsere gemeinsame Aufgabe wieder mit frischem Mut und neuem Schwung in Angriff nehmen können.

G. Breunig

   
   
   
   
   
   
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