Editorial 2000/2001

Für ein respektvolles und verantwortungsbewusstes Miteinander


„Bei einer erst kürzlich durchgeführten Befragung von 100 Jugendlichen konnte keiner von ihnen eine bedeutende Persönlichkeit als Idol nennen. Allenfalls bekannte Sportler wie Mehmet Scholl oder Stars der Unterhaltungsbranche wie Thomas Gottschalk und Claudia Schiffer fanden Erwähnung. Umfragen vor 35 Jahren zeigten, dass die Eltern der heutigen Jugend durchaus große Vorbilder hatten, John F. Kennedy, Albert Schweitzer oder Konrad Adenauer. Heute weinen, kreischen und schreien alle jungen Mädchen ausnahmslos hysterisch, wenn sich eine Boy Group trennt. Und Umweltschutz, schon lange ein Anliegen der Jugend? Ja schon, aber mit 18 wollen alle Jugendlichen den Führerschein machen und wünschen sich nichts sehnlicher als ein eigenes Auto, um damit die Umwelt zu verpesten. Und Mülltrennung? Find' ich gut. Aber selbst? Bequemlichkeit lautet die Devise. "Null Bock" auf Politik, soziales Engagement, Kirche, Umweltschutz! Eigentlich auch gar nicht weiter verwunderlich, denn die Jugend von heute will "Fun" und hängt tage- und nächtelang nur vor der Glotze oder dem Computer.
Die schnelle Befriedigung materieller Bedürfnisse, ohne dafür etwas arbeiten oder leisten zu müssen, steht heute bei allen Jugendlichen im Mittelpunkt. Und um dieses zu erreichen, schrecken die Jugendlichen nicht einmal vor Verbrechen zurück. Noch nie war der Anteil Jugendlicher in der Kriminalitätsstatistik so hoch wie heute. Tendenz steigend!
Eltern, Schule und Politik sind gefragt, diesen gefühlskalten, egoistischen, desinteressierten und ausschließlich an der Befriedigung materieller Bedürfnisse orientierten "kleinen Monstern" wieder Werte wie Liebe, Freundschaft, Respekt und Toleranz zu vermitteln. Eines Tages wird diese Jugend von heute das Bild unserer Gesellschaft prägen - und dann?"

Der vorliegende Text stammt wörtlich aus einer Aufgabe, die im Rahmen des diesjährigen qualifizierenden Abschlusses im Fach Deutsch zur Bearbeitung zur Auswahl stand. Ganz gleich, ob man nun als Lehrer, Vater oder Mutter mit dem Ergebnis der angeführten "Befragung" konfrontiert wird; spontan könnten zumindest einige Passagen durchaus Zustimmung finden.

So nimmt die Anzahl der Fälle offenbar immer mehr zu, wo z. B. Lehrkräfte trotz intensivster Bemühungen, auf Jugendliche positiv einzuwirken, schließlich resigniert feststellen müssen, dass alle Anstrengungen umsonst waren. Und Eltern, die sich, oft der Verzweiflung nahe, hilflos eingestehen müssen, dass sie mit Sohn oder Tochter nicht mehr weiter wissen, finden sich in den letzten Jahren in zunehmender Zahl in den Sprechstunden von Lehrkräften, Sozialarbeitern oder Psychologen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich vor allem unter den verantwortungsbewussten Eltern und Erziehern häufiger als früher Mut- und Ratlosigkeit breit macht angesichts der eigenen Ohnmacht gegenüber einem rasanten Werteverfall, ob er jetzt zu tun hat mit den immer vielfältiger in Erscheinung tretenden "geheimen Miterziehern", den vielbeklagten gesellschaftlichen Verhältnissen oder der zunehmenden Gleichgültigkeit im sozialen Bereich.

Eine düstere Perspektive, werden jetzt viele denken. Manche allerdings reizt vielleicht die zitierte Textpassage zum Widerspruch - und damit liegen sie eigentlich richtig, denn die angeführte Befragung hat nicht stattgefunden, wie unsere Neuntklässler im Text weiter unten erfuhren, wo es heißt: "Die Jugend von heute lässt sich jedenfalls so nicht beschreiben. Trotz mancher Halbwahrheiten ist dieser Text voll von Vorurteilen!"

Und so bestand einer der Arbeitsaufträge für unsere QA-Schüler darin, dem Verfasser des Eingangstextes einen Brief zu schreiben, in dem einige seiner Vorurteile widerlegt werden sollten. Unseren Neuntklässlern ist dazu eine ganze Reihe von überzeugenden Argumenten eingefallen, überwiegend aus dem außerschulischen Bereich. Sie hätten aber auch nur ein bisschen "aus der Schule plaudern" zu brauchen, Gegenbeispiele hätten sich genug finden lassen: So machen viele unserer Schüler bei der Mülltrennung im Schulhaus nicht nur gezwungenermaßen, sondern aus Überzeugung mit, einige Klassen beteiligten sich in diesem Schuljahr an einem "Großreinemachen" am Lechufer (...) - Bequemlichkeit als Devise?

Oder: "Null Bock" auf soziales Engagement? Nun, die Mitglieder unseres Schulsanitätsdienstes, unserer Schülerlotsentruppe oder unserer in diesem Schuljahr neu gegründeten Streitschlichtermannschaft (...) hätten sicher einige Antworten auf dieses Vorurteil parat. Wenn man dann noch an die äußerst erfolgreiche Adventsaktion zu Gunsten unserer Partnerschulen in der Dritten Welt denkt (...), an die Sammelaktion für die deutsche Kriegsgräberfürsorge oder den Besuch von drei Klassen auf Soldatenfriedhöfen im Elsass und in Italien (siehe eigene Beiträge), lässt sich auch der Vorwurf, es handele sich bei unseren Jugendlichen ausschließlich um egoistische und desinteressierte "kleine Monster", nur noch sehr begrenzt auf-rechterhalten.

Natürlich ist uns allen klar, dass ohne die Anregungen, die Anstöße und die oft großen Anstrengungen unserer Lehrkräfte, aber auch außerschulischer Institutionen, vieles nicht möglich gewesen wäre, was in den letzten Jahren gerade an unserer Schule mit vielversprechendem Erfolg auf den Weg gebracht wurde. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, seien hier dazu spontan genannt das Lechhauser Sportprojekt in Zusammenarbeit mit der Uni Augsburg, das nun schon seit über fünf Jahren an unserer Schule erfolgreich praktiziert wird, oder die Arbeit einer Reihe unserer Lehrkräfte in zahlreichen Ausschüssen der Fachbasis Lechhausen, wo es um so bedeutsame Vorhaben wie z. B. Gewaltprävention oder Hilfen zur Berufsorientierung für die Schülerinnen und Schüler unserer Abschlussklassen geht.

Auch in diesem Schuljahr können unsere Sportmannschaften aus Grund- und Hauptschule wieder zahlreiche Erfolge vorweisen (...), die nicht zuletzt dem Engagement ihrer Lehrkräfte zu verdanken sind, das ebenso hervorgehoben werden muss wie der Einsatz vieler Kolleginnen, Kollegen und Schüler z. B. auf künstlerischem Gebiet, wovon zunehmend auch das äußere Erscheinungsbild unseres Schulhauses profitiert (...).

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang das unauffällige, aber sehr zuverlässige und effektive Engagement der Sozialarbeit an unserer Schule. Aus der Fülle der Aktivitäten seien hier nur erwähnt die erfolgreiche Vorbereitung und Durchführung des traditionellen "Berufsinfomarktes" an der Schiller-VS im Herbst 2000 für die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler im Lechhauser Raum, die Organisation von Besinnungstagen für unsere Abschlussklassen oder die Herstellung und Pflege von Kontakten mit den unterschiedlichsten sozialen Institutionen, die neben der häufig notwendigen "Einzelbetreuung" unserer Schülerinnen und Schüler - manchmal auch ihrer Eltern - bei vielfältigsten Problemen dem Ziel dienen, unseren Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen, Lebensmut und die hin und wieder doch verloren gegangene Orientierung zu geben. In eine ähnliche Richtung zielen die Bemühungen der Mittags- und Nachmittagsbetreuung für unsere Schülerinnen und Schüler, die dank des immensen pädagogischen Engagements des Betreuungspersonals weit mehr ist als ein bloßes Behüten in der Mittagszeit oder eine Unterstützung bei der Fertigung der Hausaufgaben.

Sorge bereitet in diesem Zusammenhang allerdings die Tatsache, dass aus finanziellen Gründen hinter der unbedingt notwendigen langfristigen Perspektive sowohl der Schulsozialarbeit als auch unserer Betreuungsangebote, verbunden mit dringend erforderlichen konzeptionellen Schwerpunktverlagerungen, immer noch große Fragezeichen stehen, wenn auch erfreulicherweise festzustellen ist, dass sich alle Verantwortlichen dieser Problematik durchaus bewusst sind und intensiv nach Lösungen gesucht wird.

Zurück zu unserem provokativen Ausgangstext: So wie sie beschrieben wird, ist unsere Jugend in ihrer Gesamtheit nun wirklich nicht, wie konkret auch bei uns an der Schiller-VS zu beobachten ist. Das belegen die vielen oben genannten Beispiele eindrucksvoll. Gewisse beunruhigende Tendenzen aller-dings sind nicht zu leugnen. Nicht zuletzt deshalb hat sich unsere Schule entschlossen, ein groß angelegtes und über einen längeren Zeitraum geplantes Projekt "Für ein respektvolles und verantwortungsbewusstes Miteinander" in Angriff zu nehmen, das in diesem Schuljahr bereits mit verschiedenen Aktivitäten angelaufen ist. Die Betonung liegt dabei auf "Miteinander", das heißt die anspruchsvolle Zielsetzung bezieht nicht nur Schüler und Lehrkräfte ein, sondern alle, die mit der Schule zu tun haben, also insbesondere auch die Elternschaft.

Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang ein letztes Mal einen Blick auf unseren Ausgangstext werfen: Woran liegt es denn wohl, dass keiner der vorgeblich befragten Jugendlichen eine bedeutende Persönlichkeit als Idol nennen konnte? Vielleicht einfach daran, dass es mit der Vorbildwirkung sog. bedeutender Persönlichkeiten z. B. aus der Politik oder auch aus dem heutigen kommerziellen Sportgeschäft einfach nicht so weit her ist! Dann darf man aber für gewisse Entwicklungen, die uns alle mit Recht beunruhigen, nicht allein den Jugendlichen die Schuld geben!

Mir fällt in diesem Zusammenhang der große deutsche Schriftsteller Erich Kästner ein, dem die junge Generation immer sehr am Herzen lag und der in seiner "Neujahrsansprache an junge Leute" auf die sog. "vier archimedischen Punkte" hinwies. Unter Punkt zwei ist da zu lesen:
"Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Das ist möglich. Denn es existieren welche. Und es ist unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimperzucken das gesagt und getan hätte, wovor wir zögern. Das Vorbild ist ein Kompass, der sich nicht irrt und uns Weg und Ziel weist."

Ich bin überzeugt, dass viele junge Leute diesen Kompass suchen, ihn aber bei den sog. "Großen" oder einfach nur zu Hause oft nur schwer finden können. Allerdings gibt es da erfreuliche Ausnahmen, z. B. wenn ich an die Arbeit des Elternbeirats der Schiller-VS denke, der sich mit großem Engagement für die Belange unserer Schule einsetzt, wenn er sich leider hin und wieder auch auf sich allein gestellt sah und sich in der einen oder anderen Angelegenheit mehr Unterstützung durch die gesamte Elternschaft gewünscht hätte (...). Für die Erziehung der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen ist es von eminenter Bedeutung, dass Schule und Elternschaft an einem Strang ziehen, sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst sind und gemeinsam wichtige Wertvorstellungen vertreten und auch vorleben!

Unsere Schule ist dazu auf einem guten Weg, wenn wir in unseren gemeinsamen Anstrengungen nicht nachlassen. Und so dürfen wir bei aller berechtigten Skepsis am Ende dieses Schuljahres durchaus zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Zunächst stehen aber die großen Ferien vor der Tür, die sich alle redlich verdient haben. Und so darf ich allen Schülerinnen und Schülern, den Eltern und den Lehrkräften, der Verwaltung und dem Hauspersonal sowie allen, die direkt oder indirekt mit der Arbeit an unserer Schule zu tun haben erholsame und sonnige Ferientage wünschen, verbunden mit einem herzlichen Dank für die in vielen Fällen engagierte und verantwortungsbewusst geleistete Arbeit.

G. Breunig Rektor

   
   
   
   
   
   
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