Editorial1995/1996

 

SCHULE UND PRESSE

Schule Presse 1

Eigentlich sollte sich ein Jahresbericht nur auf die schulischen Daten und Ereignisse konzentrieren, doch nach so einem Jahr voller Schlagzeilen, Presseberichten und Leserzuschriften möchte ich in meinem Vorwort als Lehrer und Schulleiter zu diesen Darstellungen und Vorwürfen Stellung nehmen.

Es läßt sich nicht wegdiskutieren, daß die Lehrkräfte heute im Vergleich zu früheren Jahren einen oftmals erschreckenden Rückgang an Konzentrationsfähigkeit, Lem- und Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen beklagen. Dafür nehmen Disziplinlosigkeit, Unaufinerksamkeit, fehlender Respekt, liebloser Umgangston bis hin zur Gewaltbereitschaft immer mehr zu. Und nun sucht man natürlich primär leider weniger nach den eigentlichen Ursachen, sondern nach den vermeintlich Verantwortlichen für diese negative Entwicklung im Erziehungsund Lernbereich. Die Sündenböcke sind auch gleich gefunden, es sind die Lehrer, die versagt haben und nicht in der Lage waren und sind, den genannten Tendenzen Einhalt zu gebieten.

Seit 16 Jahren leite ich die Schiller - Schule, viele Lehrkräfte unterrichten hier seit Beginn meiner Tätigkeit, viele sind neu hinzugekommen. Allen darf und muß ich auch einmal auf der ersten Seite eines Jahresberichts bestätigen, daß sie jedes Schuljahr mit enormem Engagement sowie physischer und psychischer Belastungsbereitschaft bis oftmals an die Grenzen des Zumutbaren und Erträglichen ihren Dienst in der Schule versehen. Während in anderen Berufssparten längst die 35- oder 37- Stunden-Woche die Regel ist, sind die Lehrkräfte im Grundschulbereich und alle Fachlehrer wieder auf das Stundenmaß der 60er Jahre, nämlich 40 Wochenstunden, zurückgestuft worden.

Und wer die Entlastung in sinkenden Schülerdurchschnittszahlen pro Klasse vermutet, der wird ebenfalls enttäuscht, denn in vielen Klassen sitzen nach wie vor 28 - 32 Schülerinnen und Schüler. "Wenn alle Schüler die gleiche Chance haben sollen, dann müssen sie unterschiedlich behandelt werden" (Südd. Zeitung S VI vom 8.19.6.96). Die Realisierung dieser pädagogischen Grundforderung in so großen Klassen ist nur mit einem immensen persönlichen Kraftaufwand durch die Lehrkraft möglich.

Mancher wird jetzt die vielen Ferientage als Äquivalent zu diesen Grundbelastungen anführen. Wer dies tut, der sollte aber nicht übersehen, daß sie nur der gerechte Ausgleich für die zahllosen Mehrarbeitsstunden sind, die durch Korrekturen sowie zusätzliche Arbeiten an vielen Abenden und Wochenenden anfallen, man denke Z.B. nur an die Vorbereitung und Durchführung von Schullandheimaufenthalten, Abschlußfahrten, Besinnungstagen, Betriebserkundungen, Betriebspraktika, Schulfesten und -feiern, Sprech- und Informationsabenden usw.
Auch muß an dieser Stelle einmal erwähnt werden, daß Lehrkräfte im Grund- und Hauptschulbereich keinerlei finanzielle Anerkennung für langjähriges Engagement erhalten, denn für den Volksschulbereich ist kein Beförderungsamt für Lehrkräfte vorgesehen, es sei denn, sie streben eine Schulleiter- oder Seminarleiterfunktion an. Lob und Anerkennung und eine ganze Menge an Berufsethos sind und bleiben wohl die einzigen Motivationsgrundlagen für die Alltagsarbeit.

Die eingangs erwähnten Probleme sind hinreichend bekannt. Man könnte also annehmen und erwarten, daß die Politiker mit Nachdruck der Schule den Rücken stärken und sie für die Zukunft rüsten. Dies entspricht leider jedoch nicht den Tatsachen.
Um für die anwachsenden Schülerzahlen keine zusätzlichen Lehrerplanstellen schaffen zu müssen, rettet sich der Staat in Stundenkürzungen. Im Grundschulbereich wird in der vierten Jahrgangsstufe eine Stunde Heimat- und Sachkunde eingespart, im Hauptschulbereich denkt man über drastische Kürzungen im differenzierten Sport nach, der scheibchenweise den Lehrkräften weggenommen und auf nebenberufliche Sportlehrer übertragen werden soll. Rechnerisch mag diese Lösung ja verlockend sein, erziehlich wäre dies jedoch ein Rückschritt mit verheerenden Folgen; denn zum einen darf nicht übersehen werden, daß Basissport und differenzierter Sport nicht losgelöste und nebeneinanderstehende Fachbereiche sind, sondern aufeinander aufbauen und sich ergänzen: Und wenn man als Sportlehrer oder Schulleiter sieht, mit welcher Begeisterung und Aufopferung die Kinder gerade in diesem Fach mit den Chancen der Teilnahme an stadtintemen, regionalen und überregionalen Meisterschaften bei der Sache sind, der kann nicht verstehen, daß ausgerechnet hier der Rotstift angesetzt werden soll. Sport ist und bleibt sinnvolles Ventil für angestauten Bewegungsdrang, Sport stellt aber auch eine Kompensationsmöglichkeit für Defizite in kognitiven Fächern dar. Die ,,Auslagerung" auf nebenamtliche Sportlehrer nimmt der Schule auch die integrative Funktion, die Sport und Sportlehrer haben. Wenn man da an oft fragwürdige Staatsausgaben in anderen Bereichen denkt, (Umzug nach Berlin, ICE - Trasse über Ingolstadt, Tunnelbauten usw), dann fällt es schwer zu begreifen, daß man beim wichtigsten Gut unserer Zukunft, den Kindern, ständig den Rotstift ansetzt.

Aus unserem Jahresbericht können Sie ersehen, daß die Schiller- und Goethe - Schule in einer umfangreichen Befragung die Wünsche und Bedürfuisse unserer Kinder und Jugendlichen zum Thema ,,Freizeit" festgestellt haben. Eindeutig an erster Stelle rangiert in den Antworten der Sport in allen Variationen. Dank der Unterstützung durch die Universität Augsburg konnte an beiden Schulen am Freitagnachmittag und teilweise auch am Wochenende ein zusätzliches Sportprogramm angeboten werden, das mit großer Begeisterung angenommen wurde. Das ist praktizierte sinnvolle Freizeitgestaltung, das ist ein großes Mosaiksteinchen, um die eingangs erwähnten Sorgen und Probleme, die uns die Kinder heute bereiten, abzufangen.

Natürlich gehören zu einem sinnvollen Freizeitangebot auch alle anderen praktisch - musischen Bereiche wie Schulspiel, musisches Werken, Instrumentalunterricht, Kunsterziehung und Werken. Hier werden Kreativität sowie gestalterische und künstlerische Fähigkeiten geschult, gefördert und weiter entwickelt.

Textverarbeitung und Informatikunterricht schaffen die Basis für den in unserer technisierten Zeit absolut notwendigen Umgang mit dem Computer, Werken und Technisches Zeichnen schulen Fertigkeiten in der Bearbeitung von Papier, Holz und Metall, Textilarbeit zeigt handwerkliche und gestalterische Möglichkeiten beim Umgang mit Stoffen auf und im Fach Hauswirtschaft erhält man Einblick in die Ernährungswissenschaft und in die praktische Realisierung am Herd.
Einsparungen bei der Lehrerstundenzuweisung würden in erster Linie diesen Fächerkanon betreffen. Die Tendenz müßte in die andere Richtung verlaufen: Ausweitung des Angebots und Reduzierung der Gruppenstärken, um effektiv arbeiten zu können. Eltern und Gesellschaft ziehen sich zunehmend aus der Verantwortung für die Freizeitgestaltung ihrer Kinder zurück, weil sie vielfach beruflich äußerst angespannt sind. Sie überlassen die Kinder dadurch jedoch zu sehr dem Tummelplatz von Video und Straße und damit auch vielfach den negativen Einflüssen dieser Bereiche. Die Schule will und kann hier noch etwas entgegensteuern, wenn man ihr die Möglichkeiten dazu gibt, sie ist dazu aber nicht mehr in der Lage, wenn zunehmend über Einsparungsmaßnahmen jeglicher Art diese Chancen vertan werden.

Natürlich kann die Schu1e, können die Lehrkräfte nicht alle Defizite im erzieherischen Bereich abfangen, die heute beklagt werden. Elternhaus und Gesellschaft müssen sich auf diesem Sektor in Zukunft wesentlich stärker als bisher engagieren. Hier hilft nicht Lamentieren, sondern nur Umdenken und Handeln.

Ein ganz herzliches Dankeschön sei deshalb auch an dieser Stelle all jenen Eltern gesagt, die unsere schulische Bildungs- und Erziehungsaufgabe unterstützen, anstehende Probleme, in Gesprächen mit den Lehrkräften diskutieren und nach probaten Lösungen in Konfliktsituationen suchen. Diese vertrauens- und verständnisvolle Kooperation von Elternhaus und Schule ist ein wesentlicher Pfeiler, auf dem das Gebäude "Schule" ruht.

Besonderer Dank gebührt in diesem Zusammenhang den Vertretern des Elternbeirats und den Klassenelternsprechern, die mit Ideen und Tatkraft einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung unserer Schule und zur Realisierung von Feiern geleistet haben.

Nicht nur ein Danke, sondern Lob und Anerkennung verdienen alle diejenigen Schülerinnen und Schüler, die im abgelaufenen Jahr ihre Aufgaben ernst genommen haben und durch Fleiß, Einsatzbereitschaft, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit und Teamgeist nicht nur eine positive Zeugnisbilanz erreichten, sondern wesentlich dazu beitrugen, daß die Schule Spaß machte und manche fett gedruckte negative Zeitungsüberschrift für uns nur im Kleinformat galt.

Schule Presse 2

W. Greß, Rektor

   
   
   
   
   
   
   
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