Editorial 1993/1994

fairstaendnis c

fairstaendnis plakat

Auf einem Plakat der Innenminister von Bund und Ländern war über einer Reihe von Bildern das Wort "FAIRSTÄNDNIS" aufgedruckt. Ich finde diese Wortschöpfung so gelungen, daß ich sie zusammen mit einem der Bilder aus diesem Plakat als Leitmotiv für das Vorwort in diesem Jahresbericht ausgewählt habe. Natürlich wurde dieses Wort für den Umgang mit ausländischen Mitbürgern geprägt, beinhaltet es doch die Grundvoraussetzungen mitmenschlicher Beziehungen: offen, ehrlich und anständig miteinander umzugehen. sich mit den Problemen. Ängsten und Nöten des anderen auseinanderzusetzen und sich in andere hineindenken zu können.

Täglich werden wir im Umgang mit unseren Schülern unterschiedlichster Nationalität, Religion. Tradition und Kultur aufgefordert. "FAIRSTÄNDNIS" zu zeigen, zu praktizieren und in der Klasse zu vermitteln, keine leichte Aufgabe bei all den sonstigen Anforderungen und Zwängen, mit denen Lehrkräfte heutzutage konfrontiert werden.

FAIRSTÄNDNIS und unbedingter Siegeswille sind selbstverständlich für unsere Handball- und Basketballmannschaften. Dafür sorgt, ..., unser Sportlehrer Werner Zwetschke. Mit viel Trainingsfleiß seinem Motivations- und Integrationsvermögen und natürlich auch mit taktischen Varianten legte er den Grundstein für zahlreiche Stadt- und schwäbische Meisterschaften. ...

FAIRSTÄNDNIS erbitten wir Lehrer von den Eltern und auch von vorgesetzten Dienststellen, wenn wir nicht mehr so viele Projekte und Veranstaltungen wie in früheren Jahren durchführen können. Es fehlt nicht an Ideen und nicht am Wollen, die Realisierung scheitert oft deshalb, weil allzu rasch die Finanzierungsmöglichkeiten für solche Vorhaben erschöpft sind und wir auch mehr und mehr an die Grenze der Belastbarkeit der Lehrkräfte stoßen. Ständig sinkende Zuschüsse von seiten der Stadt Augsburg als Sachaufwandsträger und permanent steigende Anforderungen an die Lehrkräfte (große Klassen, Stofffülle, Rückkehr zur 40-Std.-Woche in der GS und bei Fachlehrern, nachlassende Konzentrations- und Einsatzbereitschaft bei den Kindern, Disziplinlosigkeiten usw.) ersticken oftmals den Elan für zusätzlich Aufgaben.

FAIRSTÄNDNIS erhoffen wir auch von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich oft gewaltsam Zutritt zu unserem Schulsportplatz suchen. Gegen ein geringes Entgelt kann der Platz ganz legal benutzt werden. Interessierte Freizeitsportgruppen sollten sich mit der Schulleitung in Verbindung setzen. Wir finden sicher einen Kompromiß und einen Weg, der durchs Tor und nicht durch aufgeschnittene Zäune oder über abgeschlossene Türen führt.

FAIRSTÄNDNIS benötigen wir alle angesichts der leeren Kassen der Stadt Augsburg, wenn wir an Neuanschaffungen oder Reparaturen denken. Vor diesem Hintergrund n114i auch die erstmals in der Geschichte der Schiller- 1::) gestartete "Bettelaktion" des Elternbeirats gesehen werden, die dank Ihrer Unterstützung zu einem Erfolg wurde. So können wir manches Vorhaben realisieren, das ansonsten dem Rotstift zum Opferfallen würde.

ZeitungFAIRSTÄNDNIS kann ich nicht für eine Redakteurin aufbringen, die in ihrem Kommentar über die Dillinger Kirchenschänder (Augsburger Allgemeine vom 07.06.94) die Schule neben dem Elternhaus als Sündenbock und Versager im Erziehungsbereich abstempelt. Das paßt zwar in die gängige Denkschablone, daß die Schule als Institution alle Erziehungsdefizite aufzufangen hat, zielt an der Realität jedoch völlig vorbei. Wenn sich die Kirchen im Hauptschulbereich zurückziehen und sich nicht der Konfrontation stellen, wenn die Kinder bei Berufstätigkeit beider Elternteile unbeaufsichtigt und ungesteuert dem Einflußbereich von Horror- Videos und dem Gedankengut negativer Straßenfreundschaften ausgesetzt sind, wenn die Liberalität unserer Gesellschaft ein nahezu zügelloses Ausleben von Kindern und Jugendlichen toleriert, dann kann man nicht die Schule an den Pranger stellen, wenn es zu solchen Auswüchsen kommt. Toleranz, Achtung. Respekt, Rücksichtnahme, Ehrfurcht, das sind Werte, die nicht allein zwischen einer Deutsch- und Mathematikstunde vermittelt werden können. Um sie zu erreichen, bedarf es einer konzertierten Aktion von Elternhaus, Schule. Verbänden, Vereinen. Gesellschaft und Staat. Jeder einzelne ist ständig und überall aufgefordert und gefordert, wenn wir wieder zu diesen Grundwerten menschlichen Zusammenlebens zurückfinden wollen. Wir als Schule tragen tagtäglich unseren Teil dazu bei, daß die jungen Menschen den schwierigen Balanceakt zwischen Liberalität und Grenzsetzung meistern und so zu sozialen Verhaltensweisen und ethischen Wertmaßstäben finden.

Werner Greß, Rektor

   
   
   
   
   
   
   
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