Anmerkung zu einem ewig aktuellen Thema:

„Ihr erzieht mich und erzieht mich …“

Verfasst von W. Kühne im Jahresbericht 1998/1999

Beim Stöbern in alten Unterlagen stieß ich kürzlich auf nebenstehende Karikatur, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging - zeigt sie doch auf simple Weise eine uralte und immer wieder aktuelle Problematik der Erziehung:
Wie vermeide ich, dass mein Kind trotz aller meiner Bemühungen doch "nur" wieder ein Erwachsener wird statt wenigstens ein "besserer" Erwachsener?

ErwachsenerIn der Mathematik ist alles so viel leichter: Hier gibt es klare Regeln und ein eindeutiges "richtig" oder "falsch". Bei der Erziehung aber kommt es immer auf den Einzelfall an - das macht die Sache so schwierig und Patentrezepte unmöglich.

Als Erzieher sollte man immer auch ein bißchen "Visionär" sein, d.h. man sollte sich wenigstens in Grundzügen ein Bild der Welt machen können, in die die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen hineinwachsen. Wir als Erwachsene glauben allzu oft, dass wir aufgrund unseres Alters und unserer (unbestrittenen) Lebenserfahrung ganz genau wüßten, was für unsere Kinder gut und richtig ist. Aber kann es wirklich richtig sein, wenn wir versuchen, "Klone" unser selbst herzustellen, die dann in einer zukünftigen Welt mit unseren Weisheiten zum Scheitern verurteilt sind?

Natürlich gibt es einen weitgehend unumstrittenen Grundstock an Erziehungszielen, der auch in - zumindest näherer - Zukunft noch gelten wird. Aber vieles, was wir heute noch für unverzichtbar halten, empfinden unsere Kinder nur als unnötigen Ballast - und sie haben oft recht! Ich meine, die meisten Kinder haben ein natürliches Gespür dafür, was ihnen im späteren Leben nützlich sein kann und was nicht. Rebellieren sie, gibt es "Zoff" mit den Erziehern, die auf ihr "Recht des Klügeren (?)" pochen, weil sie "es doch nur gut meinen" .... Der "Generationenkonflikt" läßt grüßen!

Erziehen ist immer eine Gratwanderung.
Ein falsches Wort, eine falsche Maßnahme zur falschen Zeit, kann den "Absturz" bedeuten und womöglich jahrelange Aufbauarbeit kaputt machen. Das gilt auch in Schulklassen, zumal in unseren Hauptschulklassen, in denen die Erziehungsarbeit vielfach bedeutsamer ist als die reine Wissensvermittlung. Die nicht immer einfache Aufgabe des Erziehers ist es hier, einerseits durch Konsequenz und Strenge einen Rahmen zu schaffen, in dem sinnvolle Bildungsarbeit möglich ist, andererseits aber auch durch Glaubwürdigkeit und Verständnis eine Atmosphäre des vertrauensvollen Umgangs miteinander zu ermöglichen.

Meist ist es leichter, durch Ausnützen seiner Machtposition und des "längeren Hebels", an dem man als Lehrer/in sitzt, für (äußere) Ruhe und Ordnung zu sorgen, aber nützt man seinen Schülerinnen und Schülern durch so erzwungene Anpassung für ihr späteres Leben? Oder ist es sinnvoller (wenn auch garantiert kräfte- und nervenaufreibender! ), sie zu offenen Meinungsäußerungen und partnerschaftlich-demokratischen Umgangsformen zu ermutigen? Die Mischung macht'sl Wie gesagt, eine Gratwanderung ...
Der eine "verträgt" viel Freiheiten, der andere braucht genauso viel Strenge - es ist einer Erziehungsperson kaum möglich, immer allen Schülerinnen und Schülern seiner Klasse gerecht zu werden.

Damit zurück zu unserer Ausgangsfrage: "Wie vermeide ich, dass .... ?"
Vielleicht ist der bekannte Pädagoge Friedrich Fröbel der Wahrheit recht nahe gekommen, als er feststellte:

"Erziehung ist Liebe und Beispiel - sonst nichts!"

Ein einfach klingendes, aber nicht leicht zu erfüllendes Gebot für alle, die aus ihren Kindern "nicht nur wieder Erwachsene", sondern für die Zukunft gerüstete Menschen machen wollen. 

Der Vater, der mit einer Zigarette in der Hand seinem Sohn androht "Wehe, wenn ich dich beim Rauchen erwische ... !" taugt bestenfalls als Vorlage für eine Karikatur ...

   
   
   
   
   
   
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